Donnerstag, 23. Dezember 2010

Vom Ende der Buchhandels-Ära

Das klassische Kommunikationsmodell spricht vom Sender (Autor), der Nachricht (dem Text bzw. dem Buch) und dem Empfänger (dem Leser). In der oralen Tradition ist dies ohne das Buch möglich: der Vortragende kommuniziert seine memorierte Nachricht (Epos) direkt an seine Zuhörerschaft. Mit der Einführung der Schrift verlagert sich die Nachricht in ein Medium: das Manuskript (Papyrusrolle, Codex, Buch), später in das Typoskript (das gedruckte Buch). Diese Nachricht gelangt an seinen Adressaten nun über eine Umweg: dem "Handschriftenhändler", später dem „Buchführer“. Erste Spuren eines geordneten Verkehrs mit Handschriften finden sich in Italien im 13. Jahrhundert; und der "Buchführer" (der im Auftrag des Verlegers das Land bereisende frühe Buchhändler) etabliert sich im späten 15. Jahrhundert. Mit der Einführung des Buchdrucks durch Gutenberg wächst die Produktion an Büchern, die nicht mehr über den Druckerverleger selbst verkauft werden können. Der Buchhandel als eigenes Gewerbe etabliert sich und wächst rasch an. Das literarische Kommunikationsmodell differenziert sich aus: Sender (Autor), Nachricht (Buch), Übermittler/Distributor (Buchhändler), Empfänger (Käufer/Leser).
Der moderne Buchhandel hat sich ausdifferenziert in folgende Bereiche:
  • herstellender Buchhandel ("Verlagsbuchhandel", das ist der Verlag selbst und eine ggf. unmittelbar an den Verlag angeschlossene Buchhandlung)
  • verbreitender Bucheinzelhandel („Sortimentsbuchhandel“, wie Thalia, Hugendubel, Dussmann und der kleine Buchhändler an der Ecke etc.)
  • verbreitender Buchgroßhandel („Zwischenbuchhandel“, auch "Barsortimente" genannt, wie Libri, KNO, Könemann etc.)
Zum verbreitenden Buchhandel zählen:
  • stationäre Buchhandlungen ("Sortimentsbuchhandlungen")
  • Antiquariate
  • Reise- und Versandbuchhandel
  • Internet-Buchhandel (amazon.com, libri.de, bol.de, buch.de etc.)
  • Bahnhofsbuchhandel, Buchabteilungen in Warenhäusern, Buchverkaufsstellen
  • Buchgemeinschaften (Bertelsmann Buchclub u.a.)
Doch mit der Durchsetzung des Internet hat nicht nur jeder Zwischenhändler ebenso wie fast jeder stationäre Buchhändler sein eigenes Verkaufsportal im Internet, auch die Verlage versuchen sich mit dem Direktvertrieb ihrer Bücher über eigene Portale im Netz. In den letzten zwei Jahren hat sich eine Vielzahl von digitalen Vertriebsplattformen etabliert, die - ähnlich wie in der Musikbranche iTunes - digitale Buchinhalte zum Download anbieten (Textunes, txtr, ciando u.a.). Letztlich aber erreichen auch die Autoren selbst - d.h. ohne die Vermittler- und Verteilerfunktion des Verlegers - mit ihren Produkten ihre Leser, und dies mittlerweile auch mit verkäuflichen Produkten).

Wird nun der Buchhändler, der vor fünfhundert Jahren als notwendiger Vermittler/Distributor entstand, auf diese Weise seine Existenzberechtigung verlieren? Und wenn erst Google mit seinem neuen Portal Google.ebooks an den Markt geht…

Lassen wir die Entwicklung des literarischen Kommunikationsmodells noch einmal in seiner historischen Entwicklung Revue passieren:
  • Vortragender -> Text -> Zuhörer   (orale Ära)
  • Aufschreiber -> Manuskript -> Leser   (Manuskript-Ära)
  • Autor -> Manuskript -> Verlag -> Buch -> Buchhandel -> Leser   (Gutenberg-Galaxis)
  • Autor -> Typoskript -> Verlag -> Buch -> Zwischenbuchhandel -> Einzelbuchhandel -> Leser  (19./20. Jhd.)
  • Autor -> (digitales) Typoskript -> Verlag -> (E-)Buch - Internetbuchhandel -> Leser  (digitales Zeitalter)
  • Autor -> (digitales) Typoskript -> Verlag -> (E-)Buch -> Leser  (digitales Zeitalter)
  • Autor -> digitaler Text -> Internet -> Leser   (digitales Zeitalter)

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Was ist sozial am Web 2.0?

Das Internet befindet sich in einem Prozess der Umgestaltung, in dem es weniger als reines Informations- bzw. Abrufmedium verstanden wird, d.h. in dem Inhalte ("Informationen") überwiegend von Massenmedien und professionellen Akteuren bereitgestellt werden (Organisationen, Institutionen, Autoritäten etc.), sondern in dem die Nutzer, die „digital natives“ (Prensky 2001), dazu übergehen, sich selbst aktiv zu beteiligen, indem sie eigene, selbstverfasste und -gestaltete Informationen (Texte, Bilder, Musik) in Foto- und Video-Sharing-Portale, in kollaborative belletristische oder (populär)wissenschaftliche Mitschreibeprojekte, in Kommentarfunktionen des Feuilletons oder in eigene Blogs einstellen. Damit bauen sie, die Nutzer selbst, das Netz immer weiter aus und lassen es zu einer collective intelligence wachsen.

Als Sammelbegriff für Internetanwendungen mit interaktiven, sozialen Komponenten bezeichnet der Begriff Web 2.0 – in Abgrenzung zum herkömmlichen Web 1.0 – die neue technologische Qualität sowie die neue gesellschaftliche Relevanz des Internets und seiner Nutzung. In diesem virtuellen Raum entstehen soziale Vernetzungen, die dazu geführt haben, auch von einem Social Web (auch Social Network) zu sprechen. Dieses Social Web konstituiert einen engeren Bereich des Web 2.0, in dem es nunmehr um die Etablierung neuer sozialer Strukturen und Interaktionsformen geht.

Der Begriff steht für neue Formen sozialen Handelns in folgenden Dimensionen:
  • beim Informationsaustausch (Publikation, Distribution und Zugriff auf Wissen) - siehe youtube
  • bei der Selbstdarstellung und Beziehungsmanagements (Aufbau und Pflege realweltlicher wie virtueller Kontakte und Identitäten) - siehe facebook
  • bei der interpersonalen computervermittelten Kommunikation - siehe twitter
  • bei der zielgerichteten Kooperation (Arbeitsteilung) und Kollaboration (Zusammenarbeit) (gemeinsame Erstellung von Wissensartefakten, Nutzung für Social Media Marketing) - siehe Wikipedia
Wissensproduktion und Kommunikation, Information und Transaktion finden in zunehmendem Maße im Internet statt; mehr als 70 Prozent der Deutschen sind heute online. Jeder ist User, ist zugleich Konsument wie Produzent. Man spricht von Produsage und vom Prosumenten. Man spricht vom kollaborativ wie kooperativ erstellten User Generated Content, der jenseits tradierter Institutionen, Medienlieferanten, Redaktionen oder Verlagen entsteht und frei zugänglich gemacht wird. Und bei der digitalen Literatur spricht man vom Wreader.

Nach der Popularisierung und „Vergesellschaftung“ der künstlerischen und verlegerischen Produktionsmittel (erst die Digitalkamera, dann der Digitalcomputer, der Drucker bzw. der Internet) kann heute jeder technisch versierte bzw. literate Mensch zum Urheber seines Kunstwerkes, zum Autor und gleichzeitig Verleger seines eigenen (belletristischen) Werkes werden.

Freitag, 10. Dezember 2010

Vom Tasten, den Tasten und dem Tastsinn

Der Lichtschalter war in Anlehnung an die Vorstellung von fließendem Wasser oder strömenden Gas entworfen worden. Nur eine Drehbewegung ließ den Strom fürs Licht fließen. Heute, mehr als einhundert Jahre später, gibt es diesen Schalter nicht mehr. Stattdessen bedarf es nur noch eines einzelnen Fingers (lat. digitus) für einen kurzen Druck auf die Taste - ganz so wie beim Mobiltelefon, beim Fotoapparat, bei der Fernbedienung des Fernsehers, beim mp3-Player, auf der Tastatur des Computers, dem Touchscreen des Fahrkartenautomaten oder des Slate-PC, auf der Schreibmaschine, auf dem Telegraphen oder bei der Morsetaste... Egal, wie weit man in der Geschichte zurückgeht, so scheint doch der Finger die entscheidene taktile Instanz von Kommunikation zu sein. Erst beim Manuskript (der "Handschrift") endet die(se) Mediengeschichte des Fingers.

Die Geste des Digitalen (lat. digitalis für "zum Finger gehörig") ist das Tastendrücken, die basale Kulturtechnik unserer Zeit (Heilmann 2010).

Das Wort digital evoziert aber auch noch eine viel ältere, nämlich antike Kulturtechnik: die des Zählens mittels Fingern (lat. numerare digitalis), die als einstellige Zahlen bzw. später, dann im typographischen Code Gutenbergs, als deren Ziffern ihre visuelle Repräsentation finden. Und aus der Übertragung der linearen, uniformen Ordnung des Buchdrucks auf die primitive, taktile Zahl entsteht später die moderne Mathematik, die wiederum Grundlage für die Rechenmaschine und den Computer (A. Turing und K. Zuse) sein wird.

Im elektronischen Zeitalter dient der Computer als das allein taktil gesteuerte Instrument der "extensions" sowie der universellen Übersetzung und Zusammenführung aller gegenwärtigen Codes.

"There is this difference, that previous technologies were partial and fragmentary, and the electric is total and inclusive... With the new media... it is possible to store and translate everything... Today computers hold out the promise of a means of instant translation of any code or any language into any code or any language" (McLuhan 1964).

In anderen Worten: Durch Sampling und Simulation analoger Medien(techniken) re-präsentiert der Computer die in ihnen abgebildeten Informationen (Text, Bild, Ton) als digital codierte Information.

Und dies auf bloßen Tastendruck - "enter"...

Montag, 6. Dezember 2010

Die Wiedergeburt des Autors im Netz


„Hypermedien brauchen keinen Autor, und Datenprocessing macht Genie schlicht überflüssig. An die Stelle der linearen Rationalität der Gutenberg-Galaxis tritt ein Denken in Konfigurationen. Und jedes Kind weiß heute, was nur noch die Intellektuellen der Gutenberg-Galaxis zu wissen hartnäckig sich weigern: daß sich nämlich die Videowelt, die unser Alltag ist, von der Newtonwelt verabschiedet hat. So zerbrechen die Horizonte der aufgeklärten Welt unter Medienbedingungen.“ So behauptete Norbert Bolz noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts und schrieb damit nurmehr das postmoderne Theorem Roland Barthes' fort vom "Tod des Autors" fort. Doch es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Stimmen, die die Wiedergeburt des Autors in der digitalen Welt konstatieren. Dieser Autor aber ist ein anderer als der traditionelle Autor, der im Sturm und Drang zur Welt kam.

Reinhold Grether beschreibt die gegenwärtige Konzeption von Autorschaft folgendermaßen: "Unser seit dem 18. Jahrhundert geformtes Verständnis von der Beziehung von Autor, Werk und Leser tritt in digitalen Umgebungen [...] zugunsten von Austausch, Kommunikation, Kooperation und sozialer Datenverarbeitung in den Hintergrund. Netzliteratur koordiniert Konzept-, Programmier-, Design- und Kommunikationskompetenzen zu Performanten digitaler Schriftlichkeit, die keiner Autorinstanz mehr zugerechnet werden können."

Interaktivität und Multimedialität, Hypertextstruktur, Nichtlinearität und Nichtabgeschlossenheit des Textes werden als die zentralen Charakteristika digitaler Literatur gehandelt.

Digitale Literatur wird in folgende vier Grundtypen unterschieden: 
  1. Nicht-multimediale Hypertextliteratur, die durchaus, wenn sie auf internetspezifische Verweise verzichtet als Printtext oder als CD-Rom vorliegen kann (Sachtexte in e-journals, Rezensionen, fiktionale Hypertexte). Sie bezieht ihren Mehrwert in digitaler Form vorliegend gegenüber der gedruckten Form, indem mittels Hyperlinks der Text „multilinear“ gelesen werden kann.
  2. Computergenerierte nicht-multimediale Hypertextliteratur, die nur „online“ publiziert wird, aber auch ausgestellt (Museum) werden kann.
  3. Kollaborative Schreib-/Leseprojekte ("Netzliteratur"), sowie Mischformen, die ausschließlich „online“ gelesen und mitgestaltet werden können. Diese Texte entstehen aufgrund der elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten und benötigen aus produktionsästhetischer Sicht das Netz.
  4. Multimediale Literatur, die alles Vorangegangene beinhaltet. Der Text als sprachlicher Komplex kann hierbei eine Sequenz eines Bild, Ton, Video und Animation umfassenden Arrangements sein. Das Netz definiert bei diesem Klassifikationstyp, sowohl den Existenz- und Produktionsort, als auch die Vermittlungsinstanz.
Dabei sind diese Klassifizierungen nicht zwingend trennscharf, d.h. zum einen es gibt Überschneidungen und zum anderen können konkrete Texte nicht nur einem Typus zugeordnet werden.  Jetzt wäre es an der Zeit, für jeden Typus mindestens ein repräsentatives Beispiel zu nennen...

Montag, 29. November 2010

Autorschaft

Autor…Dichter…Literat…Poet…Roamncier...Schreiber (und Aufschreiber)…Schreiberling (als belächelte Form)…Schriftsteller (der freie insbesondere)…Skribent…Texter...Verfasser

In den verschiedenen Perspektiven (juristisch, kommunikationstheoretisch, literaturwissenschaftlich, soziologisch) gibt es eine Vielzahl von Begriffen für die Person, die Texte „zu Papier“ bringt. Es sind dies Begriffe, die ähnliche und doch je unterschiedliche Konzepte von Autorschaft bezeichnen. Darüber hinaus gilt es, literaturtheoretisch zu unterscheiden zwischen historischem Autor…implizitem Autor…abstraktem Autor…und letztlich dem Erzähler, der aber bekanntermaßen nichts mit dem Autor zu tun hat.

Etymologisch haben diese Konzepte der Autorschaft zu tun mit auctor [lat.], dem „Urheber“ oder „Schöpfer“ eines Textes (mit literarischer Qualität). Dieses Konzept jedoch ist relativ jung; es begann sich erst im 18. Jahrhundert im Kontext eines Diskurses über den autonomen, schöpferischen, über sein Werk herrschenden (belletristischen) Autor durchzusetzen.

Pierre Lacour
Allégorie de la Liberté des Cultes
Die Vermittlung des göttlichen Dichterstoffes geschah, so die lange vorherrschende Vorstellung, mit Hilfe des von den Musen eingegebenen Enthusiasmus. „Denn alle guten Ependichter singen nicht aufgrund eines Fachwissens [techne], sondern in göttlicher Begeisterung und Ergriffenheit alle diese schönen Dichtungen, und die Liederdichter, die guten, ebenso“. Die dichterische Produktion war keine Sache des Wissens, sondern der göttlich inspirierten Begeisterung. Sokrates vergleicht im „Ion“ die Übertragung der poetischen Begeisterung von der Muse über den Autor, den Rhapsoden und Schauspieler bis hin zum Hörer mit einem magnetischen Stein, der Eisenringe anzieht und so magnetisiert, dass diese ihrerseits andere Ringe anziehen und so eine Kette aneinandergehefteter Ringe bilden. Dieser Vergleich beanspruchte die Gültigkeit des Inspirationsmodells nicht nur für die Produktion, sondern ebenso auch für die Vermittlung und das Verstehen poetischer Texte. Hier war der Autor kein privilegierter Interpret seines eigenen Textes. Und deshalb spielte für das angemessene Verstehen des Textes seine individuelle Intention keine Rolle.


Für die weitere Diskussion im Seminar bitten die Referenten, darum dass Positionen und Argumente zu folgenden drei Thesen erarbeitet werden:

1   Das Wissen über den Autor ist eine wichtige Voraussetzung für jede Textinterpretation.
2   Mit der Veröffentlichung eines Textes verliert der Autor sein besonderes Verhältnis zum Text. Der Text wird Besitz aller.
3   Die Aussage eines Textes entsteht erst durch den Lesevorgang und variiert, da jeder Leser mit individueller Betrachtungsweise und anderem Hintergrund an den Text herangeht.

Sonntag, 21. November 2010

5.000 - 500 - 50

Mit Blick auf 5.000 Jahre Schriftkultur und 500 Jahre Buchkultur, die dem Menschen eine lineare, an die Alphabetschrift gebundene Kommunikation gebracht hat, ist McLuhans Diktum von der "Askese der Schrift" nur zu verständlich. Das Bedürfnis nach neuen Kommunikationstechniken, die die menschlichen Sinne aus der Mononsensualität wieder herausführen und Kommunikation mit allen Sinne (wieder) möglich machen, hat in den letzten beiden Jahrhunderten - und nicht zuletzt in den letzten 50 Jahren - zu einer Reihe von Medienrevolutionen geführt, die neben die (standardisierte) Schrift auch wieder das Bild (still und bewegt) und den Ton in die Kommuikationssituation zurückbrachten.

1. Revolution: vom Stein zum Papyrus, also vom Zeichen-Code zum alphabetischen Code
2. Revolution: von der Druckerpresse zur Druckmaschine, d.h. Mechanisierung des Buchdrucks und anderer Bereiche des Alltagslebens (Uhr, Rechenmaschinen, Puppen, Webstühle)
3. Revolution: Erfindung neuer bildgebender Verfahren (Fotographie)
4. Revolution: Entdeckung der Elektrizität - Anwendung auf Kommunikationsmedien
5. Revolution: Elektromagnetismus - Anwendung auf Kommunikationsmedien
6. Revolution: Erfindung des Computers und der Digitalisierung

Die technischen Erfindungen bilden folgende Chronologie:
  • Druckerpresse  Typographie (typographischer Code)
  • Druckmaschine  (mechanische Reproduktion)
  • Fotographie (Bildverfahren)  1826 Heliographie (Asphalt) … 1835 Daguerrotypie (Silber/Kupferplatten) … 1883 erstmals im Zeitungsdruck angewendet
  • Telegraphie  1833 (elektromagnetische Übertragung von Alphabetschrift mittels neuer Codierung, Elektrizität und Kabel) (ab 1909 per Funkwellen)
  • Cinematograph/Cinetograph  1872 (Eadweard Muybridges) … 1888 (Louis Le Prince) … 1895 (Skladanowski)
  • Phonograph  1877 (Schall-, Klang-, Sprachschreiber)
  • Telefon (elektromagnetische Übertragung von Schall mittels neuer Codierung) 1863 (Phillip Reis) …1876 (A. Graham Bell)
  • Schreibmaschine  1808 (Pellegrino Turri) … 1821 (Karl Drais) … 1882 (Remington)
  • Turing-Maschine  1936
  • Rundfunk  1895/96  (Nikola Tesla, Alexander Popov) … 1906 (erste Radiosendung)
  • Fernseher  1987 (Braun) … 1906 (Max Diekmann) … 1928 (erste Fernsehübertragung)
  • Computer  1938 (Konrad Zuse) … 1980 (Digitalisierung)
In der Literatur sind solche Visionen in verschiedenen „Sprachbildern“ erhalten: in barocken Wortmaschinen (17. Jhd.), in den mechanischen Puppen, die auch in der Literatur der Romantik (E.T.A.Hoffmann) auftauchen, in den Texten über die Schreibmaschine eines Kurt Tucholsky u.a.), in einer sich in die Haut des Menschen einschreibenden Maschine in Franz Kafkas „Strafkolonie“ (1914), in William S. Bourroughs‘ Phantasien in „Naked  Lunch“ (1959).

Noch einmal ein Blick zurück in die Frühzeit der Mediengeschichte: Beim Übergang von der Handschrift (Rolle) zum Buch (Codex) gab es für die schreibenden Mönche einige medientechnische Herausforderungen zu bestehen.



Die Geschichte des Buchdrucks wird einige Jahrhunderte später durch die Mechanisierung revolutioniert; auch wenn das folgende Dokument aus der Frühzeit des Buchdrucks historisch wirkt... Printing a Book before DTP

Und auch in der Popkultur wird über die Schreibmaschine nachgedacht... Simpsons und die Schreibmaschine

Sonntag, 14. November 2010

An eye for an ear

Marshall McLuhan prägte für den Übergang von der oralen Kultur zur Schriftkultur das Bild "an eye for an ear" (1962). Dieses Bild ist in seiner Schlichtheit prägnant und aussagekräftig. Norbert Bolz hat in seinem drei Jahrzehnte später verfassten Buch Am Ende der Gutenberggalaxie (1995) diesen Übergang noch einmal beschrieben:
  • Der Autor ist mit der Einführung der Schrift im Kommunikationsprozess entbehrlich geworden bzw. abwesend.
  • Schrift bringt Vergessenheit, da die Menschen im Vertrauen auf das neue Speichermedium ihre Mnemotechniken vernachlässigen; aus dem "Heil- und Zaubermittel" Schrift ist ein "Gift" geworden, das die (individuelle) Erinnerung schwächt.
  • Die Multimedialität der Kommunikation (im Gespräch, im Theater, im Bild) wird aufseiten des Rezipienten (Lesers) auf nur ein Sinnesorgan, das Auge, reduziert. 
  • Alle menschlichen Laute (Phoneme) werden bei der phonetischen Schrift in nurmehr ca. 40 Schriftzeichen übersetzt und abstrahiert. 
  • Die Wahrnehmung wird auf eine lineare Rezeption festgelegt; Simultanität ist nicht mehr möglich.
„Der Text wird vaterlos,“ lässt Platon vor zweieinhalbtausend Jahren Sokrates im Dialog mit Theut sagen. Der Verlust an Authentizität wird aufgewogen durch einen Gewinn an (schriftlich fixierter) Autorität, wenngleich der Begriff des Autors erst Jahrhunderte später an Bedeutung gewinnt. Gleichwohl gibt es weitere Vorteile, die die Schriftkultur mit sich bringt.
  • Die Überlieferung ist weniger fehleranfällig.
  • Die Überlieferung ist endgültig und unabänderlich ("in Stein gemeißelt"... "mit Brief und Siegel").
  • Die Überlieferung gewinnt an Verbindlichkeit, d.h. an Autorität. Kein Vortragender, kein Erzähler, Sänger oder (Nach)Dichter kann den Text jetzt mehr verändern.
  • Schriftliche Texte haben eine höhere Speicherkapazität.
  • Das Wissen kann auf lange (quasi unbegrenzte) Zeit archiviert und damit gesichert werden.
  • Die Reichweite und Zugänglichkeit des Wissens wird erhöht; unabhängig vom Ort und Zeitpunkt des (Auf)Schreibens kann das Wissen rezipiert werden.
  • Mit der Reproduzierbarkeit des Textes können viele Leser erreicht werden.   
  • Kommunikation kann ohne Sender (Autor) stattfinden - auch in der Einsamkeit der individuellen Lektüre. 
„Schrift ist Anwesenheit der Abwesenheit.“ Mit dieser Aussage bringt Jacques Derrida diese neue kommunikative Ausgangssituation heute auf den Punkt.


Die Geschichte der Schriftkultur lässt sich heute wieder visualieren - also mittels bewegter Bilder darstellen. Dies wäre gleichsam ein Rückfall in oder eine Wiederherstellung der multimedialen Kommunikation jenseits einer visuellen Rezeption eines in Linie gebrachten alphabetischen Codes... quasi an eye and an ear.

Kurze Geschichte der Schrift   [Achtung, hierbei handelt es sich am Ende um Werbung für eine Buchhandelskette]



Freitag, 5. November 2010

Kommunizieren und Kommentieren

Kommunikation bedarf (mindestens) eines Senders und eines Empfängers. Sie erfolgt in einem konkreten räumlich-zeitlichen bzw. historisch-sozialen Kontext, sie bedarf eines (beiden Seiten verständlichen) Codes, und sie nutzt einen Kanal - in anderer Begrifflichkeit: ein Medium. Dieses Verständnis basiert auf dem sogenannten Organon-Modell, das in den 1960ern von Roman O. Jakobson entwickelt wurde. Die Theoriebildung zur Geschichte der Medien, die von zahlreichen technologischen (und damit kulturellen) Umbrüchen und Innovationen gezeichnet ist,wurde maßgeblich durch Marshall McLuhan geprägt. 
Dessen zentrale These lautet: The medium is the message. Nicht immer aber sieht McLuhan diesen Fortschritt - zum Beispiel die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert - als einen Gewinn für die Kommunikation.

Auf der Seite McLuhan-Projekt finden sich weiterführende Aussagen zum und Aspekte aus dem Werk von McLuhan. Und wenn man McLuhan - 40 Jahre später - persönlich hören möchte, so ist dies dank der extensions im global village durch einen Mausklick möglich: McLuhan talking (youtube)

Auf all diese messages ist zu antworten. Genauso soll auch die wöchentliche Lektüre Anlass zur Kommunikation in diesem Blog sein. Alle Teilnehmenden sind eingeladen, neben den im Seminar diskutierten Aspekten und den Posts auch die Sekundärliteratur (dropbox) als Ausgangspunkt für Kommentare und Widerworte zu nehmen (in dieser Woche V. Flusser, N. Bolz  und E. Flaverock).

Sonntag, 31. Oktober 2010

Über Sinn und Ziel des Bloggens im Seminar - Einführung

Kindle und iPad haben das Ende des Gutenbergzeitalters eingeläutet. Bücher gibt es heute als E-Books und Vooks. Lesen und Schreiben findet immer häufiger am Bildschirm statt [sic]. Auch die Literatur habe sich verändert, sagt man. Aber wie? Gibt es gar eine neue literarische Ästhetik im Netz oder auf dem Lesegerät?

In diesem Seminar werden wir gemeinsam der Frage nachgehen, wie sich die Kultur des Lesens und Schreibens, wie sich die literarische Öffentlichkeit und in welchem Maße sich die Bedingungen der Produktion, Distribution und Rezeption von (literarischen) Texten verändert haben oder verändern werden. Dies wird aus Sicht der Medien-, der Literatur- und der Buchwissenschaft, aber auch mit Blick auf das Verlagswesen geschehen.

Auf diesem Blog werden weiterführende Informationen zum Seminar veröffentlicht, Gedanken zur Diskussion gestellt, Lektüreempfehlungen gegeben und mit der Kommentar-Funktion ein Raum für Widerworte geschaffen.

In einer weiteren digitalen Plattform (dropbox) werden Textdokumente und andere Materialien zur Verfügung gestellt, die in der Vorbereitung auf das Seminar gelesen - und kritisch hinterfragt - werden sollen. Die Einladung zur dropbox erfolgt per Email und bedarf einer Registrierung durch den Nutzer.

Jeder Teilnehmer ist eingeladen, auf diesem Blog seine Fragen an die Gruppe zu richten oder im Nachgang zum Seminar hier zur Diskussion zu stellen.