Montag, 6. Dezember 2010

Die Wiedergeburt des Autors im Netz


„Hypermedien brauchen keinen Autor, und Datenprocessing macht Genie schlicht überflüssig. An die Stelle der linearen Rationalität der Gutenberg-Galaxis tritt ein Denken in Konfigurationen. Und jedes Kind weiß heute, was nur noch die Intellektuellen der Gutenberg-Galaxis zu wissen hartnäckig sich weigern: daß sich nämlich die Videowelt, die unser Alltag ist, von der Newtonwelt verabschiedet hat. So zerbrechen die Horizonte der aufgeklärten Welt unter Medienbedingungen.“ So behauptete Norbert Bolz noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts und schrieb damit nurmehr das postmoderne Theorem Roland Barthes' fort vom "Tod des Autors" fort. Doch es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Stimmen, die die Wiedergeburt des Autors in der digitalen Welt konstatieren. Dieser Autor aber ist ein anderer als der traditionelle Autor, der im Sturm und Drang zur Welt kam.

Reinhold Grether beschreibt die gegenwärtige Konzeption von Autorschaft folgendermaßen: "Unser seit dem 18. Jahrhundert geformtes Verständnis von der Beziehung von Autor, Werk und Leser tritt in digitalen Umgebungen [...] zugunsten von Austausch, Kommunikation, Kooperation und sozialer Datenverarbeitung in den Hintergrund. Netzliteratur koordiniert Konzept-, Programmier-, Design- und Kommunikationskompetenzen zu Performanten digitaler Schriftlichkeit, die keiner Autorinstanz mehr zugerechnet werden können."

Interaktivität und Multimedialität, Hypertextstruktur, Nichtlinearität und Nichtabgeschlossenheit des Textes werden als die zentralen Charakteristika digitaler Literatur gehandelt.

Digitale Literatur wird in folgende vier Grundtypen unterschieden: 
  1. Nicht-multimediale Hypertextliteratur, die durchaus, wenn sie auf internetspezifische Verweise verzichtet als Printtext oder als CD-Rom vorliegen kann (Sachtexte in e-journals, Rezensionen, fiktionale Hypertexte). Sie bezieht ihren Mehrwert in digitaler Form vorliegend gegenüber der gedruckten Form, indem mittels Hyperlinks der Text „multilinear“ gelesen werden kann.
  2. Computergenerierte nicht-multimediale Hypertextliteratur, die nur „online“ publiziert wird, aber auch ausgestellt (Museum) werden kann.
  3. Kollaborative Schreib-/Leseprojekte ("Netzliteratur"), sowie Mischformen, die ausschließlich „online“ gelesen und mitgestaltet werden können. Diese Texte entstehen aufgrund der elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten und benötigen aus produktionsästhetischer Sicht das Netz.
  4. Multimediale Literatur, die alles Vorangegangene beinhaltet. Der Text als sprachlicher Komplex kann hierbei eine Sequenz eines Bild, Ton, Video und Animation umfassenden Arrangements sein. Das Netz definiert bei diesem Klassifikationstyp, sowohl den Existenz- und Produktionsort, als auch die Vermittlungsinstanz.
Dabei sind diese Klassifizierungen nicht zwingend trennscharf, d.h. zum einen es gibt Überschneidungen und zum anderen können konkrete Texte nicht nur einem Typus zugeordnet werden.  Jetzt wäre es an der Zeit, für jeden Typus mindestens ein repräsentatives Beispiel zu nennen...

3 Kommentare:

  1. Die Übersicht zum Thema Typen Digitaler Literatur steht nun in der Dropbox zum Download bereit (6_Übersicht_Digitaler_Literatur).

    AntwortenLöschen
  2. zum Thema Hypertext:

    http://differentia.wordpress.com/2010/06/02/parantatatam-kaptn-peng-erzahlt-den-faust/

    Ich meine der Hypertext als eine nicht technische, entitätische ( keine Ahnung, ob man das so verbalisiert) Möglichkeit, sondern als eine subjektiv menschlische- ja geschichtstreibende Angelegenheit...

    AntwortenLöschen