Das klassische
Kommunikationsmodell spricht vom Sender (Autor), der Nachricht (dem Text bzw. dem Buch) und dem Empfänger (dem Leser). In der oralen Tradition ist dies ohne das Buch möglich: der Vortragende kommuniziert seine memorierte Nachricht (Epos) direkt an seine Zuhörerschaft. Mit der Einführung der Schrift verlagert sich die Nachricht in ein Medium: das Manuskript (Papyrusrolle, Codex, Buch), später in das Typoskript (das gedruckte Buch). Diese Nachricht gelangt an seinen Adressaten nun über eine Umweg: dem "Handschriftenhändler", später dem „Buchführer“. Erste Spuren eines geordneten Verkehrs mit Handschriften finden sich in Italien im 13. Jahrhundert; und der "Buchführer" (der im Auftrag des Verlegers das Land bereisende frühe Buchhändler) etabliert sich im späten 15. Jahrhundert. Mit der Einführung des Buchdrucks durch Gutenberg wächst die Produktion an Büchern, die nicht mehr über den Druckerverleger selbst verkauft werden können. Der
Buchhandel als eigenes Gewerbe etabliert sich und wächst rasch an. Das literarische Kommunikationsmodell differenziert sich aus: Sender (Autor), Nachricht (Buch), Übermittler/Distributor (Buchhändler), Empfänger (Käufer/Leser).
Der moderne Buchhandel hat sich ausdifferenziert in folgende Bereiche:
- herstellender Buchhandel ("Verlagsbuchhandel", das ist der Verlag selbst und eine ggf. unmittelbar an den Verlag angeschlossene Buchhandlung)
- verbreitender Bucheinzelhandel („Sortimentsbuchhandel“, wie Thalia, Hugendubel, Dussmann und der kleine Buchhändler an der Ecke etc.)
- verbreitender Buchgroßhandel („Zwischenbuchhandel“, auch "Barsortimente" genannt, wie Libri, KNO, Könemann etc.)
Zum
verbreitenden Buchhandel zählen:
- stationäre Buchhandlungen ("Sortimentsbuchhandlungen")
- Antiquariate
- Reise- und Versandbuchhandel
- Internet-Buchhandel (amazon.com, libri.de, bol.de, buch.de etc.)
- Bahnhofsbuchhandel, Buchabteilungen in Warenhäusern, Buchverkaufsstellen
- Buchgemeinschaften (Bertelsmann Buchclub u.a.)
Doch mit der Durchsetzung des
Internet hat nicht nur jeder Zwischenhändler ebenso wie fast jeder stationäre Buchhändler sein eigenes Verkaufsportal im Internet, auch die Verlage versuchen sich mit dem Direktvertrieb ihrer Bücher über eigene Portale im Netz. In den letzten zwei Jahren hat sich eine Vielzahl von digitalen Vertriebsplattformen etabliert, die - ähnlich wie in der Musikbranche iTunes - digitale Buchinhalte zum Download anbieten (
Textunes, txtr, ciando u.a.). Letztlich aber erreichen auch die Autoren selbst - d.h. ohne die Vermittler- und Verteilerfunktion des Verlegers - mit ihren Produkten ihre Leser, und dies mittlerweile auch mit verkäuflichen Produkten).
Wird nun der Buchhändler, der vor fünfhundert Jahren als notwendiger Vermittler/Distributor entstand, auf diese Weise seine Existenzberechtigung verlieren? Und wenn erst Google mit seinem neuen Portal
Google.ebooks an den Markt geht…
Lassen wir die Entwicklung des literarischen
Kommunikationsmodells noch einmal in seiner historischen Entwicklung Revue passieren:
- Vortragender -> Text -> Zuhörer (orale Ära)
- Aufschreiber -> Manuskript -> Leser (Manuskript-Ära)
- Autor -> Manuskript -> Verlag -> Buch -> Buchhandel -> Leser (Gutenberg-Galaxis)
- Autor -> Typoskript -> Verlag -> Buch -> Zwischenbuchhandel -> Einzelbuchhandel -> Leser (19./20. Jhd.)
- Autor -> (digitales) Typoskript -> Verlag -> (E-)Buch - Internetbuchhandel -> Leser (digitales Zeitalter)
- Autor -> (digitales) Typoskript -> Verlag -> (E-)Buch -> Leser (digitales Zeitalter)
- Autor -> digitaler Text -> Internet -> Leser (digitales Zeitalter)
Süddeutsche Zeitung Feuilleton vom 31.12.10/1./2.01.11
AntwortenLöschenZum neuen Jahr: Ideen, die uns bleiben
Unabhängige Bestsellerautoren
Für eine Weile sah es im vergangenen Sommer so aus, als wären die Buchverlage auf ihren letzten, übermächtigen Gegner gestoßen: Unerwartet bot damals der amerikanische Literaturagent Andrew Wiley dreizehn seiner erfolgreichsten Titel, darunter Werke von John Updike, Vladimir Nabokov und Orhan Pamuk als elektronische Bücher über Amazon an. Alte, schon lange erfolgreiche Bücher wie "Lolita"oder die Rabitt_Romane sollten neu auf den Markt gebracht werden, verknüpft mit einer Honorarregelung, die dem Agenten für elektronische Bücher angemessen erschien: die Hälfte vom Verkaufspreis für den Autor, anstatt bislang höchstens ein Viertel. Als die Edition nach sechs Wochen zurückgezogen wurde, glaubte die Branche, darin eine Niederlage des Agenten zu erkennen. Außer Wiley und Random House, die damals gerade über Lizenzen verhandelten, weiß jedoch niemand, wie sich die Spielregeln zwischen Agent und Verlag durch die Aktion veränderten. Wiley hatte demonstriert, wie effektvoll das elektronische Buch eingesetzt werden kann. Die Folgen werden unausweichlich sein für den gesamten Buchmarkt. (tost)