Freitag, 10. Dezember 2010

Vom Tasten, den Tasten und dem Tastsinn

Der Lichtschalter war in Anlehnung an die Vorstellung von fließendem Wasser oder strömenden Gas entworfen worden. Nur eine Drehbewegung ließ den Strom fürs Licht fließen. Heute, mehr als einhundert Jahre später, gibt es diesen Schalter nicht mehr. Stattdessen bedarf es nur noch eines einzelnen Fingers (lat. digitus) für einen kurzen Druck auf die Taste - ganz so wie beim Mobiltelefon, beim Fotoapparat, bei der Fernbedienung des Fernsehers, beim mp3-Player, auf der Tastatur des Computers, dem Touchscreen des Fahrkartenautomaten oder des Slate-PC, auf der Schreibmaschine, auf dem Telegraphen oder bei der Morsetaste... Egal, wie weit man in der Geschichte zurückgeht, so scheint doch der Finger die entscheidene taktile Instanz von Kommunikation zu sein. Erst beim Manuskript (der "Handschrift") endet die(se) Mediengeschichte des Fingers.

Die Geste des Digitalen (lat. digitalis für "zum Finger gehörig") ist das Tastendrücken, die basale Kulturtechnik unserer Zeit (Heilmann 2010).

Das Wort digital evoziert aber auch noch eine viel ältere, nämlich antike Kulturtechnik: die des Zählens mittels Fingern (lat. numerare digitalis), die als einstellige Zahlen bzw. später, dann im typographischen Code Gutenbergs, als deren Ziffern ihre visuelle Repräsentation finden. Und aus der Übertragung der linearen, uniformen Ordnung des Buchdrucks auf die primitive, taktile Zahl entsteht später die moderne Mathematik, die wiederum Grundlage für die Rechenmaschine und den Computer (A. Turing und K. Zuse) sein wird.

Im elektronischen Zeitalter dient der Computer als das allein taktil gesteuerte Instrument der "extensions" sowie der universellen Übersetzung und Zusammenführung aller gegenwärtigen Codes.

"There is this difference, that previous technologies were partial and fragmentary, and the electric is total and inclusive... With the new media... it is possible to store and translate everything... Today computers hold out the promise of a means of instant translation of any code or any language into any code or any language" (McLuhan 1964).

In anderen Worten: Durch Sampling und Simulation analoger Medien(techniken) re-präsentiert der Computer die in ihnen abgebildeten Informationen (Text, Bild, Ton) als digital codierte Information.

Und dies auf bloßen Tastendruck - "enter"...

3 Kommentare:

  1. Zwar übersetzt der Computer für uns codes und transportiert damit Informationen, dennoch stellt sich die Frage, wie wichtig ist diese Information? Ist es nicht manchmal zu viel Information, die er transportiert?
    Der Computer ermöglicht es den Menschen in kürzester Zeit, allein mit Hilfe eines Tastendrucks, Kontakt zu anderen aufzunehmen. Doch würden wir auf diesen Kontakt überhaupt noch Wert legen, wenn seine Herstellung mit etwas mehr Aufwand verbunden wäre?

    Das klassische Adressbuch liegt irgendwo in der hintersten Ecke einer Schublade, alle Freunde sind auf Studi, Facebook, oder sonstwo angemeldet und um mit ihnen Kontakt aufzunehmen, muss nur ein Tastendruck stattfinden. Alle Freunde. Doch was ist mit den Bekannten? Mit den Freunden, die sich verändert haben, mit denen man im real stattfindenden Leben nie wieder Kontakt aufnehmen würde?
    Durch die Verbindung auf einem Socialnetwork ist man mehr oder weniger genötigt eine Art von Kontakt zu halten, die nicht authentisch ist. Oft rafft man sich nicht auf eine Nachricht, Message oder einen Wallpost zu schreiben. Man drückt auf like und gruscheln, oder lässt es bleiben, sieht sich aber dennoch das Profil der so weit entfernten, einmal nahestehenden, Person an und wundert sich.

    Was macht man mit solchen Menschen, mit solchen Kontakten, für deren Aktivitäten man sich nicht mehr interessiert? Löscht man sie? Ignoriert man sie? Das alte Adressbuch in der Schublade würde einen nicht verraten, wenn man eine Adresse ausradiert, ein Socialnetwork schon...

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  2. Wir zeigen nicht mehr, sondern zählen und drücken und schreiben und tasten?

    Eine interessante Frage?

    Wann haben wir aufgehört unsere Umwelt selbst zu benennen und andere zu fragen? Kann man fragen, wenn man nur zeigt? Kann man antworten wenn man nur tastet?
    Und wen haben wir vor uns, wenn wir nur Zeigende vor uns haben?
    Ein Kind in einem Film sagt:
    Nur der Dummkopf schaut auf den Finger?

    Was für eine verrückt, menschlich, soziale Feststellung?

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