Sonntag, 14. November 2010

An eye for an ear

Marshall McLuhan prägte für den Übergang von der oralen Kultur zur Schriftkultur das Bild "an eye for an ear" (1962). Dieses Bild ist in seiner Schlichtheit prägnant und aussagekräftig. Norbert Bolz hat in seinem drei Jahrzehnte später verfassten Buch Am Ende der Gutenberggalaxie (1995) diesen Übergang noch einmal beschrieben:
  • Der Autor ist mit der Einführung der Schrift im Kommunikationsprozess entbehrlich geworden bzw. abwesend.
  • Schrift bringt Vergessenheit, da die Menschen im Vertrauen auf das neue Speichermedium ihre Mnemotechniken vernachlässigen; aus dem "Heil- und Zaubermittel" Schrift ist ein "Gift" geworden, das die (individuelle) Erinnerung schwächt.
  • Die Multimedialität der Kommunikation (im Gespräch, im Theater, im Bild) wird aufseiten des Rezipienten (Lesers) auf nur ein Sinnesorgan, das Auge, reduziert. 
  • Alle menschlichen Laute (Phoneme) werden bei der phonetischen Schrift in nurmehr ca. 40 Schriftzeichen übersetzt und abstrahiert. 
  • Die Wahrnehmung wird auf eine lineare Rezeption festgelegt; Simultanität ist nicht mehr möglich.
„Der Text wird vaterlos,“ lässt Platon vor zweieinhalbtausend Jahren Sokrates im Dialog mit Theut sagen. Der Verlust an Authentizität wird aufgewogen durch einen Gewinn an (schriftlich fixierter) Autorität, wenngleich der Begriff des Autors erst Jahrhunderte später an Bedeutung gewinnt. Gleichwohl gibt es weitere Vorteile, die die Schriftkultur mit sich bringt.
  • Die Überlieferung ist weniger fehleranfällig.
  • Die Überlieferung ist endgültig und unabänderlich ("in Stein gemeißelt"... "mit Brief und Siegel").
  • Die Überlieferung gewinnt an Verbindlichkeit, d.h. an Autorität. Kein Vortragender, kein Erzähler, Sänger oder (Nach)Dichter kann den Text jetzt mehr verändern.
  • Schriftliche Texte haben eine höhere Speicherkapazität.
  • Das Wissen kann auf lange (quasi unbegrenzte) Zeit archiviert und damit gesichert werden.
  • Die Reichweite und Zugänglichkeit des Wissens wird erhöht; unabhängig vom Ort und Zeitpunkt des (Auf)Schreibens kann das Wissen rezipiert werden.
  • Mit der Reproduzierbarkeit des Textes können viele Leser erreicht werden.   
  • Kommunikation kann ohne Sender (Autor) stattfinden - auch in der Einsamkeit der individuellen Lektüre. 
„Schrift ist Anwesenheit der Abwesenheit.“ Mit dieser Aussage bringt Jacques Derrida diese neue kommunikative Ausgangssituation heute auf den Punkt.


Die Geschichte der Schriftkultur lässt sich heute wieder visualieren - also mittels bewegter Bilder darstellen. Dies wäre gleichsam ein Rückfall in oder eine Wiederherstellung der multimedialen Kommunikation jenseits einer visuellen Rezeption eines in Linie gebrachten alphabetischen Codes... quasi an eye and an ear.

Kurze Geschichte der Schrift   [Achtung, hierbei handelt es sich am Ende um Werbung für eine Buchhandelskette]



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