Donnerstag, 23. Dezember 2010

Vom Ende der Buchhandels-Ära

Das klassische Kommunikationsmodell spricht vom Sender (Autor), der Nachricht (dem Text bzw. dem Buch) und dem Empfänger (dem Leser). In der oralen Tradition ist dies ohne das Buch möglich: der Vortragende kommuniziert seine memorierte Nachricht (Epos) direkt an seine Zuhörerschaft. Mit der Einführung der Schrift verlagert sich die Nachricht in ein Medium: das Manuskript (Papyrusrolle, Codex, Buch), später in das Typoskript (das gedruckte Buch). Diese Nachricht gelangt an seinen Adressaten nun über eine Umweg: dem "Handschriftenhändler", später dem „Buchführer“. Erste Spuren eines geordneten Verkehrs mit Handschriften finden sich in Italien im 13. Jahrhundert; und der "Buchführer" (der im Auftrag des Verlegers das Land bereisende frühe Buchhändler) etabliert sich im späten 15. Jahrhundert. Mit der Einführung des Buchdrucks durch Gutenberg wächst die Produktion an Büchern, die nicht mehr über den Druckerverleger selbst verkauft werden können. Der Buchhandel als eigenes Gewerbe etabliert sich und wächst rasch an. Das literarische Kommunikationsmodell differenziert sich aus: Sender (Autor), Nachricht (Buch), Übermittler/Distributor (Buchhändler), Empfänger (Käufer/Leser).
Der moderne Buchhandel hat sich ausdifferenziert in folgende Bereiche:
  • herstellender Buchhandel ("Verlagsbuchhandel", das ist der Verlag selbst und eine ggf. unmittelbar an den Verlag angeschlossene Buchhandlung)
  • verbreitender Bucheinzelhandel („Sortimentsbuchhandel“, wie Thalia, Hugendubel, Dussmann und der kleine Buchhändler an der Ecke etc.)
  • verbreitender Buchgroßhandel („Zwischenbuchhandel“, auch "Barsortimente" genannt, wie Libri, KNO, Könemann etc.)
Zum verbreitenden Buchhandel zählen:
  • stationäre Buchhandlungen ("Sortimentsbuchhandlungen")
  • Antiquariate
  • Reise- und Versandbuchhandel
  • Internet-Buchhandel (amazon.com, libri.de, bol.de, buch.de etc.)
  • Bahnhofsbuchhandel, Buchabteilungen in Warenhäusern, Buchverkaufsstellen
  • Buchgemeinschaften (Bertelsmann Buchclub u.a.)
Doch mit der Durchsetzung des Internet hat nicht nur jeder Zwischenhändler ebenso wie fast jeder stationäre Buchhändler sein eigenes Verkaufsportal im Internet, auch die Verlage versuchen sich mit dem Direktvertrieb ihrer Bücher über eigene Portale im Netz. In den letzten zwei Jahren hat sich eine Vielzahl von digitalen Vertriebsplattformen etabliert, die - ähnlich wie in der Musikbranche iTunes - digitale Buchinhalte zum Download anbieten (Textunes, txtr, ciando u.a.). Letztlich aber erreichen auch die Autoren selbst - d.h. ohne die Vermittler- und Verteilerfunktion des Verlegers - mit ihren Produkten ihre Leser, und dies mittlerweile auch mit verkäuflichen Produkten).

Wird nun der Buchhändler, der vor fünfhundert Jahren als notwendiger Vermittler/Distributor entstand, auf diese Weise seine Existenzberechtigung verlieren? Und wenn erst Google mit seinem neuen Portal Google.ebooks an den Markt geht…

Lassen wir die Entwicklung des literarischen Kommunikationsmodells noch einmal in seiner historischen Entwicklung Revue passieren:
  • Vortragender -> Text -> Zuhörer   (orale Ära)
  • Aufschreiber -> Manuskript -> Leser   (Manuskript-Ära)
  • Autor -> Manuskript -> Verlag -> Buch -> Buchhandel -> Leser   (Gutenberg-Galaxis)
  • Autor -> Typoskript -> Verlag -> Buch -> Zwischenbuchhandel -> Einzelbuchhandel -> Leser  (19./20. Jhd.)
  • Autor -> (digitales) Typoskript -> Verlag -> (E-)Buch - Internetbuchhandel -> Leser  (digitales Zeitalter)
  • Autor -> (digitales) Typoskript -> Verlag -> (E-)Buch -> Leser  (digitales Zeitalter)
  • Autor -> digitaler Text -> Internet -> Leser   (digitales Zeitalter)

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Was ist sozial am Web 2.0?

Das Internet befindet sich in einem Prozess der Umgestaltung, in dem es weniger als reines Informations- bzw. Abrufmedium verstanden wird, d.h. in dem Inhalte ("Informationen") überwiegend von Massenmedien und professionellen Akteuren bereitgestellt werden (Organisationen, Institutionen, Autoritäten etc.), sondern in dem die Nutzer, die „digital natives“ (Prensky 2001), dazu übergehen, sich selbst aktiv zu beteiligen, indem sie eigene, selbstverfasste und -gestaltete Informationen (Texte, Bilder, Musik) in Foto- und Video-Sharing-Portale, in kollaborative belletristische oder (populär)wissenschaftliche Mitschreibeprojekte, in Kommentarfunktionen des Feuilletons oder in eigene Blogs einstellen. Damit bauen sie, die Nutzer selbst, das Netz immer weiter aus und lassen es zu einer collective intelligence wachsen.

Als Sammelbegriff für Internetanwendungen mit interaktiven, sozialen Komponenten bezeichnet der Begriff Web 2.0 – in Abgrenzung zum herkömmlichen Web 1.0 – die neue technologische Qualität sowie die neue gesellschaftliche Relevanz des Internets und seiner Nutzung. In diesem virtuellen Raum entstehen soziale Vernetzungen, die dazu geführt haben, auch von einem Social Web (auch Social Network) zu sprechen. Dieses Social Web konstituiert einen engeren Bereich des Web 2.0, in dem es nunmehr um die Etablierung neuer sozialer Strukturen und Interaktionsformen geht.

Der Begriff steht für neue Formen sozialen Handelns in folgenden Dimensionen:
  • beim Informationsaustausch (Publikation, Distribution und Zugriff auf Wissen) - siehe youtube
  • bei der Selbstdarstellung und Beziehungsmanagements (Aufbau und Pflege realweltlicher wie virtueller Kontakte und Identitäten) - siehe facebook
  • bei der interpersonalen computervermittelten Kommunikation - siehe twitter
  • bei der zielgerichteten Kooperation (Arbeitsteilung) und Kollaboration (Zusammenarbeit) (gemeinsame Erstellung von Wissensartefakten, Nutzung für Social Media Marketing) - siehe Wikipedia
Wissensproduktion und Kommunikation, Information und Transaktion finden in zunehmendem Maße im Internet statt; mehr als 70 Prozent der Deutschen sind heute online. Jeder ist User, ist zugleich Konsument wie Produzent. Man spricht von Produsage und vom Prosumenten. Man spricht vom kollaborativ wie kooperativ erstellten User Generated Content, der jenseits tradierter Institutionen, Medienlieferanten, Redaktionen oder Verlagen entsteht und frei zugänglich gemacht wird. Und bei der digitalen Literatur spricht man vom Wreader.

Nach der Popularisierung und „Vergesellschaftung“ der künstlerischen und verlegerischen Produktionsmittel (erst die Digitalkamera, dann der Digitalcomputer, der Drucker bzw. der Internet) kann heute jeder technisch versierte bzw. literate Mensch zum Urheber seines Kunstwerkes, zum Autor und gleichzeitig Verleger seines eigenen (belletristischen) Werkes werden.

Freitag, 10. Dezember 2010

Vom Tasten, den Tasten und dem Tastsinn

Der Lichtschalter war in Anlehnung an die Vorstellung von fließendem Wasser oder strömenden Gas entworfen worden. Nur eine Drehbewegung ließ den Strom fürs Licht fließen. Heute, mehr als einhundert Jahre später, gibt es diesen Schalter nicht mehr. Stattdessen bedarf es nur noch eines einzelnen Fingers (lat. digitus) für einen kurzen Druck auf die Taste - ganz so wie beim Mobiltelefon, beim Fotoapparat, bei der Fernbedienung des Fernsehers, beim mp3-Player, auf der Tastatur des Computers, dem Touchscreen des Fahrkartenautomaten oder des Slate-PC, auf der Schreibmaschine, auf dem Telegraphen oder bei der Morsetaste... Egal, wie weit man in der Geschichte zurückgeht, so scheint doch der Finger die entscheidene taktile Instanz von Kommunikation zu sein. Erst beim Manuskript (der "Handschrift") endet die(se) Mediengeschichte des Fingers.

Die Geste des Digitalen (lat. digitalis für "zum Finger gehörig") ist das Tastendrücken, die basale Kulturtechnik unserer Zeit (Heilmann 2010).

Das Wort digital evoziert aber auch noch eine viel ältere, nämlich antike Kulturtechnik: die des Zählens mittels Fingern (lat. numerare digitalis), die als einstellige Zahlen bzw. später, dann im typographischen Code Gutenbergs, als deren Ziffern ihre visuelle Repräsentation finden. Und aus der Übertragung der linearen, uniformen Ordnung des Buchdrucks auf die primitive, taktile Zahl entsteht später die moderne Mathematik, die wiederum Grundlage für die Rechenmaschine und den Computer (A. Turing und K. Zuse) sein wird.

Im elektronischen Zeitalter dient der Computer als das allein taktil gesteuerte Instrument der "extensions" sowie der universellen Übersetzung und Zusammenführung aller gegenwärtigen Codes.

"There is this difference, that previous technologies were partial and fragmentary, and the electric is total and inclusive... With the new media... it is possible to store and translate everything... Today computers hold out the promise of a means of instant translation of any code or any language into any code or any language" (McLuhan 1964).

In anderen Worten: Durch Sampling und Simulation analoger Medien(techniken) re-präsentiert der Computer die in ihnen abgebildeten Informationen (Text, Bild, Ton) als digital codierte Information.

Und dies auf bloßen Tastendruck - "enter"...

Montag, 6. Dezember 2010

Die Wiedergeburt des Autors im Netz


„Hypermedien brauchen keinen Autor, und Datenprocessing macht Genie schlicht überflüssig. An die Stelle der linearen Rationalität der Gutenberg-Galaxis tritt ein Denken in Konfigurationen. Und jedes Kind weiß heute, was nur noch die Intellektuellen der Gutenberg-Galaxis zu wissen hartnäckig sich weigern: daß sich nämlich die Videowelt, die unser Alltag ist, von der Newtonwelt verabschiedet hat. So zerbrechen die Horizonte der aufgeklärten Welt unter Medienbedingungen.“ So behauptete Norbert Bolz noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts und schrieb damit nurmehr das postmoderne Theorem Roland Barthes' fort vom "Tod des Autors" fort. Doch es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Stimmen, die die Wiedergeburt des Autors in der digitalen Welt konstatieren. Dieser Autor aber ist ein anderer als der traditionelle Autor, der im Sturm und Drang zur Welt kam.

Reinhold Grether beschreibt die gegenwärtige Konzeption von Autorschaft folgendermaßen: "Unser seit dem 18. Jahrhundert geformtes Verständnis von der Beziehung von Autor, Werk und Leser tritt in digitalen Umgebungen [...] zugunsten von Austausch, Kommunikation, Kooperation und sozialer Datenverarbeitung in den Hintergrund. Netzliteratur koordiniert Konzept-, Programmier-, Design- und Kommunikationskompetenzen zu Performanten digitaler Schriftlichkeit, die keiner Autorinstanz mehr zugerechnet werden können."

Interaktivität und Multimedialität, Hypertextstruktur, Nichtlinearität und Nichtabgeschlossenheit des Textes werden als die zentralen Charakteristika digitaler Literatur gehandelt.

Digitale Literatur wird in folgende vier Grundtypen unterschieden: 
  1. Nicht-multimediale Hypertextliteratur, die durchaus, wenn sie auf internetspezifische Verweise verzichtet als Printtext oder als CD-Rom vorliegen kann (Sachtexte in e-journals, Rezensionen, fiktionale Hypertexte). Sie bezieht ihren Mehrwert in digitaler Form vorliegend gegenüber der gedruckten Form, indem mittels Hyperlinks der Text „multilinear“ gelesen werden kann.
  2. Computergenerierte nicht-multimediale Hypertextliteratur, die nur „online“ publiziert wird, aber auch ausgestellt (Museum) werden kann.
  3. Kollaborative Schreib-/Leseprojekte ("Netzliteratur"), sowie Mischformen, die ausschließlich „online“ gelesen und mitgestaltet werden können. Diese Texte entstehen aufgrund der elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten und benötigen aus produktionsästhetischer Sicht das Netz.
  4. Multimediale Literatur, die alles Vorangegangene beinhaltet. Der Text als sprachlicher Komplex kann hierbei eine Sequenz eines Bild, Ton, Video und Animation umfassenden Arrangements sein. Das Netz definiert bei diesem Klassifikationstyp, sowohl den Existenz- und Produktionsort, als auch die Vermittlungsinstanz.
Dabei sind diese Klassifizierungen nicht zwingend trennscharf, d.h. zum einen es gibt Überschneidungen und zum anderen können konkrete Texte nicht nur einem Typus zugeordnet werden.  Jetzt wäre es an der Zeit, für jeden Typus mindestens ein repräsentatives Beispiel zu nennen...