Literatur ist Kommunikation, ist eine in formaler Hinsicht besondere Form von Kommunikation. Sie ist eine formalsprachlich geformte, überformte, verdichtete und also linguistisch beschreibbare Form der Kommunikation. Was aber ist die Funktion von Literatur im gesellschaftlichen Gefüge? Was ist ihre überindividuelle, ihre soziale Funktion im historischen Kontext?
Sie ist - um es bildlich, also fast schon literarisch zu sagen - Seismograph. Das heißt, sie ist ein Medium für eine vom Individuum ausgehende Aufzeichnung von Wahrnehmungen sozialer, kultureller, technologischer und letztlich auch medialer Veränderungen, also Erschütterungen, Konflikte, Widersprüche, Umbrüche, Katastrophen und Revolutionen jeder Art. Wird sie kanonisiert, so werden ihre Inhalte im kollektiven bzw. kulturellen Gedächtnis archiviert. Sie ist aber auch ein Medium für die zeitnahe Kommentierung eben solcher Vorgänge. Damit wird sie zu einem - ja zu dem - gesellschaftlichen Forum, in dem die Normen und Werte, die moralischen und ethischen Prinzipien einer Gemeinschaft ausgehandelt werden. Und sie kann ein Medium für Unterhaltung und Eskapismus sein; beides muss einander nicht bedingen, kann es gleichwohl. Letztlich kann sie Katalysator oben genannter Veränderungen sein. Man denke an religiöse, an reformatorische, an aufklärerische und letztlich an politische Kampfschriften, an Manifeste aller Art (vom kommunistischen über das futuristische bis zum konsumistischen).
Das also ist es, was die Literatur in der Gutenbergschen Buchform bisher geleistet hat bzw. was kanonische Autoren wie Büchner, Kleist, Heine, Kafka, Musil, Brecht, Bernhard oder Schätzing geleistet haben. (Diese Auswahl kann freilich nicht repräsentativ für die unermessliche Vielfalt der Literatur sein.)
Was aber verändert sich jetzt, da die Literatur den Buchkörper verlässt? Das Buch in seiner traditionellen Fasson hat die Inhalte und die Art und Weise seiner Rezeption diszipliniert. Denn das Buch ist linear und hierarchisch strukturiert, es enthält einen statischen Inhalt; es entsteht in einem stillen, privaten, singulären Prozess und wird ebenso still und privat rezipiert. Der (in der Regel eine) Autor führt seinen Leser quasi autoritär durch den Textverlauf - und also durch den Inhalt, durch seine Welt, die unsere ist.
Was aber sind die neuen Eigenschaften, ja Qualitäten von digitaler Literatur im Hinblick auf Form, Inhalt und Funktion? Und was sind die medienunabhängigen Charakteristika von Literatur im Hinblick auf Form, Inhalt und Funktion sowie im Blick auf Produktion und Rezeption im Internet-Zeitalter, die mit den Charakteristika analoger Literatur übereinstimmen?
Internet.
AntwortenLöschenAlso für mich ist Internet in erster Linie Kommunikation, das was früher Dialog in der Gegenwart Auge in Auge war. Danach Dialog in Briefform, also Kommunikation über einen größeren Raum. Dem folgte Telefon, das beides: gegenwärtiger Dialog mit einem Gesprächspartner über weite Räume, ermöglichte. Mit dem Handy ist man sogar mobil dazu in der Lage und bietet mittlerweile sogar die Möglichkeit von audio-visueller Kommunikation.
Das Internet bietet all dies ebenfalls und nochmehr, viel mehr sogar und die Möglichkeiten wachsen, selbst mobiles Internet ist mit den momentan aktuellen Smartphones möglich. Kommunikation an jedem Punkt der Erde. Gut, vielleicht noch nicht an wirklich jedem Punkt der Erde, aber was will man auch schon in der Wüste oder im tropischen Regenwald mit den neuesten Apps seiner Freunde anfangen?
Wir wollen nutzen, was nur möglich ist. Wir können heute schon vorbestellen, was erst morgen möglich sein wird. Das Sci-Fi-Genre zeigt uns, was sein könnte und die technische Forschung arbeitet an dem, was umsetzbar ist und sich verkaufen lässt. Aber was nutzen uns diese Möglichkeiten, wenn wir ein halbes Leben im Internet verbringen? Ich komme abends nach Hause und mache das Licht und gleich danach den PC. Einige Menschen führen nur noch ein virtuelles Dasein im Social Web, andere lehnen diese Art der Kommunikationsplattformen total ab. Die breite Masse liegt irgendwo dazwischen.
Der Mensch geht hierbei eine Verbindung ein. Wenn er erst einmal mit der digitalen Welt verbunden ist, kommt er nicht mehr davon los. Was bringt es einem das Wissen des Internets nutzen zu können, wenn man selbst gar nicht mehr in der Lage ist, Wissen in seinem eigenen Kopf, auf seiner biologischen Festplatte speichern und verarbeiten zu können?
Ich habe wieder angefangen echte Briefe an echte Menschen zu schreiben. Da schütteln einigen nur mit dem Kopf. "Schreib doch 'ne Mail! Geht viel schneller und das kostet auch nichts." So spricht jemand, der glaubt Kühe sind lila.
"Auf den Inhalt kommt es an." So hieß es früher. Das genügt heute nicht mehr. Was nützt der beste Inhalt, wenn die Form nicht anspricht (?) Ich könnte den Schlüssel zur Erkenntnis niederschreiben ...Fließtext, Schriftgröße 12, Blocksatz, Times New Roman, 3cm Seitenränder, 6oo Seiten. Nein danke. Heute braucht man eine ansprechendere Form, um ein wenig Inhalt herüberzubringen. Das ist wie mit den Action-Blockbuster: Jede Menge Explosionen, Gewalt und Zerstörung, Dialoge, die die niederen Instinkte ansprechen und der soviel Inhalt hat wie das App "Animal Farm" auf Facebook. Die Funktion dieser Texte reduzieren oft auf Unterhaltung, denn alles was unterhaltsam ist, hat einen Konsumenten. Der Stumpfsinn scheint eine unendliche Geschichte zu sein, aber es gibt Licht am Ende der digitalen Leitung. Nein, ich meine nicht Lichtfaserkabel, sondern die Plattformen, die es mittlerweile schaffen, qualitativ gute Inhalte in unterhaltsame Formen zu bringen. Wer suchet, der findet ...das wäre doch mal ein Slogan für eine Suchmaschine. Da muss man auch kein Parzival sein =)
Etwas zurückliegend aber spannend:
AntwortenLöschenKafka schrieb an Felix Bauer 1916 sehr hellsichtig:
die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muss- bloss teorettisch angesehn- eine schreckliche Zerrüctung der Seelen in die Welt gebracht haben-Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern undzwar nicht nur mit dem gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hande in dem Brief,den man schreibt entwickelt oder gar in einer Forge von Briefen, wo ein Brief den anderen erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heisst, sich vor den Gespenstern entblössen, worauf sie gierig warten.Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sindern werden von den Gespenstern auf demWeg ausgetrunken-Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört.Die Menschheit fühlt das uund kämpft dagegen, sie hat um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto,den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post, den Telegraphen erfunden,das Telephon,die Funkentelegraphi.Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrundegehen.
Ich mag Kafkas Schwarzseherei. Es war doch schon immer so, dass etwas, das neu war, auf Ablehnung und Zustimmung gleichermaßen getreten ist. Während die einen den Untergang schon ganz deutlich vor Augen hatten, waren die anderen fasziniert von den Möglichkeiten menschlichen Strebens.
AntwortenLöschenDa fällt mir die literarische Strömung des Expressionismus ein, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Sinnesüberreizung, die durch die Industrialisierung ausgelöst wurden, mit Entsetzen dokumentierten. Straßenbahnen wurden zu Schreckgespenstern, die Massen von Gesichtslosen transportierten. Der Mensch überlässt sein Leben den Maschinen, er wird selbst zu einer, wie in "Metropolis" anzuschauen war. Aber die Menschheit gibt es noch immer.
Letztendlich verstummen die Kritiker, weil keiner sie mehr hören mag, denn der Mainstream ist zu einer Naturgewalt geworden. Die Masse ist gesichtsloser geworden, auch wenn wir uns nun immer und überall erreichen können. Die Welt rückt scheinbar näher zusammen im multimedialen Raum, aber sind wir uns denn wirklich näher gekommen? Ist das Angebot nicht schon zu groß? Ist die neue Art der Reizüberflutung nicht schon so in unseren Alltag integriert, dass wir schon abgestumpft sind?
Ich denke nicht. Ein expressionistischer Autor hundert Jahre in unsere Gegenwart transferiert, mag auf der Stelle Selbstmord begehen, aber wir, die wir in diese Zeit geboren wurde und sie so annehmen wie sie ist, haben keine Schwierigkeiten. Und kommt etwas neues, passen wir uns an. Jedenfalls so lange bis wir nicht mehr mithalten können. Dann sind wir alt und fangen an, uns zu beklagen. Sarkasmus und Ironie sind meist die Instrumente der Besiegten, aber dies zu lesen kann ungeheueren Spaß machen.
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33812/1.html
AntwortenLöschenEine sehr witzige Heranführung an das Thema, dass hier überwunden werden will. Öffentlicher Raum vs. privater Raum. Es ist doch mehr als das sprachliche Äquivalent und jenem sollten wir uns bewusst sein....