Historischer Rückblick auf die sich wandelnde Wissenschaftskultur
Medien sind nicht nur Orte, an denen Informationen und Wissen aufbewahrt werden oder die nur mehr als Kanäle des Wissenstransfers dienen, vielmehr sind sie Basis, auf dem der gesellschaftliche Wissensdiskurs stattfindet. Den Medien kommt damit ein wissenskulturelles Strukturierungspotential zu (Elsner 1994).
Das Medium determiniert, so Margreiter (2005), auf unverwechselbare Art und Weise, wie eine bestimmte Medialität unsere Wahrnehmung und deren Verarbeitung – nicht nur kognitive, sondern auch emotive und volitive – Verarbeitung in spezifische, unverwechselbare Bahnen lenkt.
Nicht zuletzt auf der Ebene des Individuums steuern Medien den Zugang des Einzelnen zur Welt. Indem sie bestimmte Sinneskanäle in besonderer Weise ansprechen, andere hingegen vernachlässigen oder gänzlich ausblenden, kommt es zu einer allein dem jeweiligen Medium und dessen dispositiver Struktur eigenen Fokussierung und damit einer Disziplinierung der Wahrnehmung (Pscheida 2010).
Gemeint ist hiermit der Fokus auf Schriftlichkeit, und genauer noch auf Buchkultur mit ihrem typographischen Code sowie ihre buchtechnischen Konventionen (Titelei, Paginierung, Kapitelstruktur, Fußnoten, Anmerkungen, Glossar, Literaturverzeichnis).
„Unsere mentalen Strategien und ein Teil unserer sozialen Verhaltensweisen sind durch Denkzwänge konditioniert, die informationsverarbeitende Medien unseren Gehirnen einpflanzen. Form, Inhalt und die Wiedergabe von Wissen werden gleichermaßen von Medien beeinflusst“ (de Kerckhove 2000).
Der Buchdruck hat also eine Ordnung des Wissens (Enzyklopädie als Ideal) hergestellt. Aber auch die Kommunikation dieses Wissen wurde in eine neue Ordnung gebracht: Akademien und Universitäten entstanden, später Schulen und Bibliotheken sowie entsprechende Buchformate und Standards. Das heißt, akademische Wissensstrukturen und Wissenschaft selbst wurden institutionalisiert – und damit diszipliniert.
Wesentlicher Bestandteil der neuen Wissenschaftskultur war neben dem wissenschaftlichen Ethos (Uneigennützigkeit, Objektivität, Wahrheit) das Streben nach wissenschaftlicher Reputation, die auf hierarchisiertes Expertenwissen, Karriere, sozialen Anschluss, Elitebewusstsein abhebt. Reputation ließ sich in erster Linie über individuelle Autorschaft bestätigen. Ab dem 17. Jahrhundert ist denn auch die Publikation, d.h. die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse, Kern des wissenschaftlichen Handelns.
Zäsur im 21. Jahrhundert – Die Wissens- bzw. Informationsgesellschaft und das Internet
Das Informationsverarbeitungssystem Buch ist der Komplexität unserer sozialen Systeme sowie unserer kognitiven wie emotionalen Verhaltensweisen und der sich daraus ableitenden Bedürfnisstrukturen nach Informationen, Wissen und Unterhaltung nicht mehr gewachsen. Gesucht wird heute, d.h. mit dem sukzessiven Abschied aus der Gutenberg-Galaxis, ein Medium simultanpräsenter Darstellung von Inhalten, Information und Wissen, also ein Medium, wie es der Hypertext verkörpere, so Bolz (1995).
Nach dem Prinzip der Knoten und Links sind hier, in der Welt der Hypertexte, alle Inhalte miteinander vernetzt und können frei, d.h. zeit- und ortsunabhängig abgerufen werden. Resultat dieser „freien“ Bewegung im Wissensraum auf der Basis hypertextueller Vernetzung ist nun das Hinzutreten aktiver Konstruktion (im Sinne von Navigation, Interaktion und Kollaboration) als neuer Komponente im Prozess der Rezeption.
Das Internet funktioniert, anders als alle bisherigen Massenmedien, nach dem Prinzip des „information-pull“, das heißt die Konsumenten/Rezipienten sind nicht länger darauf angewiesen, was ihnen Redaktionen, Verlage und Medienanstalten an Informationen zur Verfügung stellen ("information-push"), sondern sie besitzen in viel stärkerem Maße selbst direkten Zugang zu den verschiedenen Informationsquellen (auch wenn freilich selbst Google, Wikipedia und selbst Wikileaks nicht alle Informationen zur Verfügung stellen können oder wollen).
Im gleichen Maße steht es jedem Nutzer auch offen, selbst eigene Informationen über das Internet zu verbreiten. Zudem sind in digitaler/digitalisierter Form produzierte Inhalte bzw. Informationen über das Internet nicht nur leichter zu verbreiten und zu teilen, sie können auch schneller verändert, ausgebaut und neu kombiniert werden.
Mit Ausbreitung und gesamtgesellschaftlicher Nutzung des Internet hat sich eine kollaborativ und kooperativ organisierte, nicht-kommerzielle „Amateurkultur“ entwickelt, deren Akteure zum einen Inhalte quasi- oder semi-professionell verarbeiten bzw. zur Verfügung stellen, zum anderen aber auch das Entstehen einer Peer-to-peer-Kultur befördert haben.
Der Netzwerkcharakter des Internet hat es ermöglicht, dass eine funktionierende, zwar verteilte, aber dennoch koordinierte Gemeinschaft (bzw. vieler kleiner „Communities“) entstanden ist, die keine zentrale Autorität mehr benötigt. Die Effektivität sowie die Resultate ihres Handelns beruhen auf dem sich selbst regulierenden Zusammenspiel untereinander (zumeist professionell) verbundener und zugleich unabhängig agierender Individuen („kollektive Intelligenz“) (vgl. Leadbeater/Miller 2004).
Auflösung von Wissen und Wahrheit
Mit der Ablösung der Gutenberg-Galaxis durch ein neues digitales Paradigma verbindet sich auf erkenntnistheoretischer Ebene denn auch die Einsicht, dass das klassische Modell der autoritären bzw. institutionellen Produktion von Wissen weder der einzig mögliche noch der produktivste Weg ist. Diese Einsicht wird das Vertrauen in die Funktionalität hierarchischer Organisationsstrukturen fundamental erschüttern – wenn dies im Zuge des Postmoderne-Diskurses der zurückliegenden zwei Jahrzehnte nicht längst geschehen ist.
Unter dem Einfluss des Internet, d.h. unter dem Einfluss der kreativen Partizipation und Kollaboration der Nutzer des Web 2.0, werden Inhalte, Ideen und Wissen nicht länger im traditionellen, von der Vorstellungswelt der Industriegesellschaft geprägten Sinne „produziert“. Vielmehr werden unter den Bedingungen der digitalen Medien nun die Nutzer selbst – und nicht länger die Experten und Eliten – die Strukturierung und Zuordnung von Information und Wissen vornehmen. Die neue Struktur des Wissens ist folglich sowohl eine situative und dynamisch wandelbare, als auch eine sozial permanent neu ausgehandelte (siehe Wikipedia und alle anderen disziplinären Wikis).
Damit geht ein radikaler, wenn auch allmählicher Reputations- und Autoritätsverlust von Institutionen, von sogenannten Leitmedien, aber auch von individueller Autorschaft und traditionellen Publikationsformaten (insbesondere bei klassischen Zeitschriften und Buchformaten) einher, der sich in der postmodernen Absage an Metadiskurse im Sinne von Foucault vor drei Jahrzehnten bereits andeutete, nun aber – im „demokratischsten aller Medien“ – zur vollen Entfaltung kommt. Die Orientierung der Industrie, auch der verlegerischen und publizistischen Industrie, an sogenannten Nutzerbedarfen ist nur mehr ein verzweifeltes Rückzugsgefecht angesichts sich selbst organisierender und informierender Subjekte in einer auf das Individuum zurückgeworfenen postmodernen Informationsgesellschaft.
Die Alternative zum Wandel und Verfall der tradierten Wissenschaftskommunikation heißt Open Access. Im neuen Medium, dem Internet, entsteht seit knapp einem Jahrzehnt eine neue Form der Kommunikation wissenschaftlichen Wissens, die an die Seite - oder langfristig wohl sogar: an die Stelle - der Verlagskultur treten wird.
Die verschiedenen programmatischen Erklärungen zu Open Access finden sich selbstverständlich im digitalen Universum, so unter anderem in der Wikipedia.
In der Dropbox ist neben der Sekundärliteratur auch eine aktuelle Übersicht zu finden, die die Merkmale von Print- und OA-Veröffentlichungen, wie sie im Seminar erarbeitet worden sind, gegenüberstellt.
Im Film "Jurassic Park" hieß es "Das Leben findet einen Weg". Durch Technik und deren Weiterentwicklungen wird immer deutlicher, dass die Information ebenfalls ihren Weg findet. Einzelne Bücher mit großem Aufwand zu erstellen, um sie zu verkaufen, reichte uns nicht. Briefe zu schreiben und einen Anwortbrief zu bekommen reichte uns nicht. Eine literarische Öffentlichkeit in einem regionalen Kreis in dem der Austausch von Meinungen und Diskurse stattfanden... es reichte uns nicht. Niemand konnte den Buchdruck vorhersagen und das Internet gleich gar nicht. Die Welt scheint kleiner zu werden, wenn ein Informationsaustausch nur Sekunden benötig, um den Globus zu umfahren, aber die Informationsmenge scheint größer zu werden.
AntwortenLöschenIch glaube, nicht das Buch hat unser Denken im Hinblick auf Struktur und Ordnung kultiviert, sondern der Mensch hat das Buch als Mittel benutzt, um Informationen zu sammeln und zu ordnen. Damit wurde das Buch zur künstlichen Erweiterung der natürlichen Denkstrukturen des menschlichen Geistes. Ohne Frage benötigt der Mensch auch diese Ordung im überwältigenden Informationsstrom, die er selbst mit dem Internet geschaffen hat, schon aus dem Grund, diesen Strom zu überblicken und um ihn für sich nutzbar zu machen.