Montag, 29. November 2010

Autorschaft

Autor…Dichter…Literat…Poet…Roamncier...Schreiber (und Aufschreiber)…Schreiberling (als belächelte Form)…Schriftsteller (der freie insbesondere)…Skribent…Texter...Verfasser

In den verschiedenen Perspektiven (juristisch, kommunikationstheoretisch, literaturwissenschaftlich, soziologisch) gibt es eine Vielzahl von Begriffen für die Person, die Texte „zu Papier“ bringt. Es sind dies Begriffe, die ähnliche und doch je unterschiedliche Konzepte von Autorschaft bezeichnen. Darüber hinaus gilt es, literaturtheoretisch zu unterscheiden zwischen historischem Autor…implizitem Autor…abstraktem Autor…und letztlich dem Erzähler, der aber bekanntermaßen nichts mit dem Autor zu tun hat.

Etymologisch haben diese Konzepte der Autorschaft zu tun mit auctor [lat.], dem „Urheber“ oder „Schöpfer“ eines Textes (mit literarischer Qualität). Dieses Konzept jedoch ist relativ jung; es begann sich erst im 18. Jahrhundert im Kontext eines Diskurses über den autonomen, schöpferischen, über sein Werk herrschenden (belletristischen) Autor durchzusetzen.

Pierre Lacour
Allégorie de la Liberté des Cultes
Die Vermittlung des göttlichen Dichterstoffes geschah, so die lange vorherrschende Vorstellung, mit Hilfe des von den Musen eingegebenen Enthusiasmus. „Denn alle guten Ependichter singen nicht aufgrund eines Fachwissens [techne], sondern in göttlicher Begeisterung und Ergriffenheit alle diese schönen Dichtungen, und die Liederdichter, die guten, ebenso“. Die dichterische Produktion war keine Sache des Wissens, sondern der göttlich inspirierten Begeisterung. Sokrates vergleicht im „Ion“ die Übertragung der poetischen Begeisterung von der Muse über den Autor, den Rhapsoden und Schauspieler bis hin zum Hörer mit einem magnetischen Stein, der Eisenringe anzieht und so magnetisiert, dass diese ihrerseits andere Ringe anziehen und so eine Kette aneinandergehefteter Ringe bilden. Dieser Vergleich beanspruchte die Gültigkeit des Inspirationsmodells nicht nur für die Produktion, sondern ebenso auch für die Vermittlung und das Verstehen poetischer Texte. Hier war der Autor kein privilegierter Interpret seines eigenen Textes. Und deshalb spielte für das angemessene Verstehen des Textes seine individuelle Intention keine Rolle.


Für die weitere Diskussion im Seminar bitten die Referenten, darum dass Positionen und Argumente zu folgenden drei Thesen erarbeitet werden:

1   Das Wissen über den Autor ist eine wichtige Voraussetzung für jede Textinterpretation.
2   Mit der Veröffentlichung eines Textes verliert der Autor sein besonderes Verhältnis zum Text. Der Text wird Besitz aller.
3   Die Aussage eines Textes entsteht erst durch den Lesevorgang und variiert, da jeder Leser mit individueller Betrachtungsweise und anderem Hintergrund an den Text herangeht.

Sonntag, 21. November 2010

5.000 - 500 - 50

Mit Blick auf 5.000 Jahre Schriftkultur und 500 Jahre Buchkultur, die dem Menschen eine lineare, an die Alphabetschrift gebundene Kommunikation gebracht hat, ist McLuhans Diktum von der "Askese der Schrift" nur zu verständlich. Das Bedürfnis nach neuen Kommunikationstechniken, die die menschlichen Sinne aus der Mononsensualität wieder herausführen und Kommunikation mit allen Sinne (wieder) möglich machen, hat in den letzten beiden Jahrhunderten - und nicht zuletzt in den letzten 50 Jahren - zu einer Reihe von Medienrevolutionen geführt, die neben die (standardisierte) Schrift auch wieder das Bild (still und bewegt) und den Ton in die Kommuikationssituation zurückbrachten.

1. Revolution: vom Stein zum Papyrus, also vom Zeichen-Code zum alphabetischen Code
2. Revolution: von der Druckerpresse zur Druckmaschine, d.h. Mechanisierung des Buchdrucks und anderer Bereiche des Alltagslebens (Uhr, Rechenmaschinen, Puppen, Webstühle)
3. Revolution: Erfindung neuer bildgebender Verfahren (Fotographie)
4. Revolution: Entdeckung der Elektrizität - Anwendung auf Kommunikationsmedien
5. Revolution: Elektromagnetismus - Anwendung auf Kommunikationsmedien
6. Revolution: Erfindung des Computers und der Digitalisierung

Die technischen Erfindungen bilden folgende Chronologie:
  • Druckerpresse  Typographie (typographischer Code)
  • Druckmaschine  (mechanische Reproduktion)
  • Fotographie (Bildverfahren)  1826 Heliographie (Asphalt) … 1835 Daguerrotypie (Silber/Kupferplatten) … 1883 erstmals im Zeitungsdruck angewendet
  • Telegraphie  1833 (elektromagnetische Übertragung von Alphabetschrift mittels neuer Codierung, Elektrizität und Kabel) (ab 1909 per Funkwellen)
  • Cinematograph/Cinetograph  1872 (Eadweard Muybridges) … 1888 (Louis Le Prince) … 1895 (Skladanowski)
  • Phonograph  1877 (Schall-, Klang-, Sprachschreiber)
  • Telefon (elektromagnetische Übertragung von Schall mittels neuer Codierung) 1863 (Phillip Reis) …1876 (A. Graham Bell)
  • Schreibmaschine  1808 (Pellegrino Turri) … 1821 (Karl Drais) … 1882 (Remington)
  • Turing-Maschine  1936
  • Rundfunk  1895/96  (Nikola Tesla, Alexander Popov) … 1906 (erste Radiosendung)
  • Fernseher  1987 (Braun) … 1906 (Max Diekmann) … 1928 (erste Fernsehübertragung)
  • Computer  1938 (Konrad Zuse) … 1980 (Digitalisierung)
In der Literatur sind solche Visionen in verschiedenen „Sprachbildern“ erhalten: in barocken Wortmaschinen (17. Jhd.), in den mechanischen Puppen, die auch in der Literatur der Romantik (E.T.A.Hoffmann) auftauchen, in den Texten über die Schreibmaschine eines Kurt Tucholsky u.a.), in einer sich in die Haut des Menschen einschreibenden Maschine in Franz Kafkas „Strafkolonie“ (1914), in William S. Bourroughs‘ Phantasien in „Naked  Lunch“ (1959).

Noch einmal ein Blick zurück in die Frühzeit der Mediengeschichte: Beim Übergang von der Handschrift (Rolle) zum Buch (Codex) gab es für die schreibenden Mönche einige medientechnische Herausforderungen zu bestehen.



Die Geschichte des Buchdrucks wird einige Jahrhunderte später durch die Mechanisierung revolutioniert; auch wenn das folgende Dokument aus der Frühzeit des Buchdrucks historisch wirkt... Printing a Book before DTP

Und auch in der Popkultur wird über die Schreibmaschine nachgedacht... Simpsons und die Schreibmaschine

Sonntag, 14. November 2010

An eye for an ear

Marshall McLuhan prägte für den Übergang von der oralen Kultur zur Schriftkultur das Bild "an eye for an ear" (1962). Dieses Bild ist in seiner Schlichtheit prägnant und aussagekräftig. Norbert Bolz hat in seinem drei Jahrzehnte später verfassten Buch Am Ende der Gutenberggalaxie (1995) diesen Übergang noch einmal beschrieben:
  • Der Autor ist mit der Einführung der Schrift im Kommunikationsprozess entbehrlich geworden bzw. abwesend.
  • Schrift bringt Vergessenheit, da die Menschen im Vertrauen auf das neue Speichermedium ihre Mnemotechniken vernachlässigen; aus dem "Heil- und Zaubermittel" Schrift ist ein "Gift" geworden, das die (individuelle) Erinnerung schwächt.
  • Die Multimedialität der Kommunikation (im Gespräch, im Theater, im Bild) wird aufseiten des Rezipienten (Lesers) auf nur ein Sinnesorgan, das Auge, reduziert. 
  • Alle menschlichen Laute (Phoneme) werden bei der phonetischen Schrift in nurmehr ca. 40 Schriftzeichen übersetzt und abstrahiert. 
  • Die Wahrnehmung wird auf eine lineare Rezeption festgelegt; Simultanität ist nicht mehr möglich.
„Der Text wird vaterlos,“ lässt Platon vor zweieinhalbtausend Jahren Sokrates im Dialog mit Theut sagen. Der Verlust an Authentizität wird aufgewogen durch einen Gewinn an (schriftlich fixierter) Autorität, wenngleich der Begriff des Autors erst Jahrhunderte später an Bedeutung gewinnt. Gleichwohl gibt es weitere Vorteile, die die Schriftkultur mit sich bringt.
  • Die Überlieferung ist weniger fehleranfällig.
  • Die Überlieferung ist endgültig und unabänderlich ("in Stein gemeißelt"... "mit Brief und Siegel").
  • Die Überlieferung gewinnt an Verbindlichkeit, d.h. an Autorität. Kein Vortragender, kein Erzähler, Sänger oder (Nach)Dichter kann den Text jetzt mehr verändern.
  • Schriftliche Texte haben eine höhere Speicherkapazität.
  • Das Wissen kann auf lange (quasi unbegrenzte) Zeit archiviert und damit gesichert werden.
  • Die Reichweite und Zugänglichkeit des Wissens wird erhöht; unabhängig vom Ort und Zeitpunkt des (Auf)Schreibens kann das Wissen rezipiert werden.
  • Mit der Reproduzierbarkeit des Textes können viele Leser erreicht werden.   
  • Kommunikation kann ohne Sender (Autor) stattfinden - auch in der Einsamkeit der individuellen Lektüre. 
„Schrift ist Anwesenheit der Abwesenheit.“ Mit dieser Aussage bringt Jacques Derrida diese neue kommunikative Ausgangssituation heute auf den Punkt.


Die Geschichte der Schriftkultur lässt sich heute wieder visualieren - also mittels bewegter Bilder darstellen. Dies wäre gleichsam ein Rückfall in oder eine Wiederherstellung der multimedialen Kommunikation jenseits einer visuellen Rezeption eines in Linie gebrachten alphabetischen Codes... quasi an eye and an ear.

Kurze Geschichte der Schrift   [Achtung, hierbei handelt es sich am Ende um Werbung für eine Buchhandelskette]



Freitag, 5. November 2010

Kommunizieren und Kommentieren

Kommunikation bedarf (mindestens) eines Senders und eines Empfängers. Sie erfolgt in einem konkreten räumlich-zeitlichen bzw. historisch-sozialen Kontext, sie bedarf eines (beiden Seiten verständlichen) Codes, und sie nutzt einen Kanal - in anderer Begrifflichkeit: ein Medium. Dieses Verständnis basiert auf dem sogenannten Organon-Modell, das in den 1960ern von Roman O. Jakobson entwickelt wurde. Die Theoriebildung zur Geschichte der Medien, die von zahlreichen technologischen (und damit kulturellen) Umbrüchen und Innovationen gezeichnet ist,wurde maßgeblich durch Marshall McLuhan geprägt. 
Dessen zentrale These lautet: The medium is the message. Nicht immer aber sieht McLuhan diesen Fortschritt - zum Beispiel die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert - als einen Gewinn für die Kommunikation.

Auf der Seite McLuhan-Projekt finden sich weiterführende Aussagen zum und Aspekte aus dem Werk von McLuhan. Und wenn man McLuhan - 40 Jahre später - persönlich hören möchte, so ist dies dank der extensions im global village durch einen Mausklick möglich: McLuhan talking (youtube)

Auf all diese messages ist zu antworten. Genauso soll auch die wöchentliche Lektüre Anlass zur Kommunikation in diesem Blog sein. Alle Teilnehmenden sind eingeladen, neben den im Seminar diskutierten Aspekten und den Posts auch die Sekundärliteratur (dropbox) als Ausgangspunkt für Kommentare und Widerworte zu nehmen (in dieser Woche V. Flusser, N. Bolz  und E. Flaverock).